Wir haben Windows ersetzt — ein Erfahrungsbericht
Warum überhaupt?
Windows kam uns langsam mehr wie eine Vermarktungsplattform vor, es wurde immer weniger ein Betriebssystem. Wir sind ein IT-Dienstleister. Wir empfehlen unseren Kunden Open-Source-Lösungen, betreiben Proxmox-Cluster, installieren Nextcloud und predigen Datensouveränität und Resilienz. Und dann kamen wir jeden Morgen ins Büro und haben Windows hochgefahren (nun gut, manche hatten schon Linux, manche MacOS).
Das war irgendwann schwer zu rechtfertigen — nicht nur gegenüber Kunden, sondern auch gegenüber uns selbst. Also haben wir umgestellt. Alle Arbeitsplätze. Keine Ausnahme.
Dieser Artikel ist kein Hochglanz-Erfahrungsbericht. Es war nicht alles einfach. Aber es hat funktioniert — und wir würden es jederzeit wieder so machen.
Die Hardware und welches System draufkam
Wir hatten keine einheitliche Flotte, also gab es auch keine einheitliche Antwort auf die Frage “welches Linux”. Beim Kunden setzen wir meist auf Linux Mint oder Ubuntu bei den Arbeitsstationen.
ThinkPads → Linux Mint
Die Lenovos im Büro laufen auf Linux Mint. Auch wer Linux noch nicht kennt, findet sich hier am schnellsten zurecht: Die Oberfläche ist vertraut, alles funktioniert sofort, und der Hardware-Support für ThinkPads ist unter Linux traditionell ausgezeichnet. Treiberprobleme: keine. Suspend und Hibernate: funktionieren zuverlässig. Touchscreen: funktioniert. Fingerabdruckleser: eingerichtet in fünf Minuten.
Mint ist unser Standardsystem für alle, die einfach arbeiten wollen, ohne sich mit dem Betriebssystem zu beschäftigen.
Dell XPS 17 → CachyOS
Der leistungsstärkste Veteran im Haus bekommt das anspruchsvollste System: CachyOS, ein auf Arch Linux basierendes System mit einem stark optimierten Kernel und automatischen CPU-Optimierungen für die jeweilige Hardware.
Der Unterschied zu einem Standard-Linux ist spürbar — besonders bei langen Rendering-Vorgängen oder wenn mehrere VMs gleichzeitig laufen. CachyOS ist nichts für Einsteiger: Die Paketverwaltung, Systemkonfiguration und gelegentliche Arch-Eigenheiten setzen Bereitschaft voraus, auch mal in der Kommandozeile unterwegs zu sein. Wer das mitbringt, bekommt dafür ein System, das erstaunlich wenig im Weg steht. Außerdem war CachyOs das einzige System, mit dem der XPS sofort komplett funktioniert hat. Inklusive Fingerprint Sensor und Touchscreen.
Alter iMac → openSUSE
Einen iMac mit Linux zu bespielen hat einen gewissen Charme. Wir haben uns für openSUSE entschieden — konkret für Tumbleweed 20260318 auf dem älteren iMac, der damit deutlich flotter läuft als mit den letzten macOS-Versionen, die Apple für dieses Modell noch freigegeben hatte. Auch hier hatten wir keine Konfigurationsanpassungen zu machen.
Zusammen mit “Cockpit” ist die Administration angenehm grafisch zugänglich. Für einen Rechner, der hauptsächlich für Recherche, Dokumentation und Büroarbeiten genutzt wird, ist openSUSE eine solide, unauffällige Wahl.
Statt MS365: Nextcloud, Talk, Collabora, LibreOffice
Den größten Teil der Umstellung hat nicht das Betriebssystem verursacht, sondern der Wechsel weg von Microsoft 365. Wir nutzen unsere eigene Nextcloud-Instanz — dieselbe Konfiguration, die wir auch für Kunden aufbauen.
Dateien und Zusammenarbeit laufen über Nextcloud mit dem Desktop-Client. Die Synchronisation funktioniert auf allen drei Betriebssystemen problemlos.
Bürodokumente öffnen und bearbeiten wir mit Collabora Online im Browser, wenn wir gemeinsam an etwas arbeiten, und mit LibreOffice lokal für alles andere. Die Kompatibilität mit .docx und .xlsx ist gut genug, dass wir im Austausch mit Kunden, die Word nutzen, keine Probleme haben. Gelegentlich stimmt eine Formatierung nicht ganz — das war aber auch mit Word und Word-Online oder Google Docs nie garantiert.
Kommunikation und Meetings laufen über Nextcloud Talk. Intern haben wir Teams damit vollständig ersetzt. Für externe Meetings, bei denen Kunden keinen eigenen Account haben wollen, erstellen wir Gäste-Links — die andere Seite braucht nur einen Browser.
Was wir nicht in Abrede stellen wollen: Outlook als vollständiger E-Mail-Client mit Kalender, Aufgaben und Exchange-Integration ist eine andere Klasse als das, was Nextcloud hier bietet. Wer täglich mit dutzenden externen Terminen und geteilten Teamkalendern arbeitet, wird den Unterschied merken. Für unsere Arbeitsweise ist es kein Problem.
DATEV ohne Smartcard: Smart Login löst das Problem
Das war der Punkt, an dem wir am längsten recherchiert haben — und der sich am Ende als einfachster herausstellte.
DATEV Unternehmen Online läuft vollständig im Browser. Die klassische Smartcard mit Kartenleser und DATEV-Sticks ist für den Unternehmenszugang nicht mehr zwingend erforderlich: DATEV Smart Login authentifiziert per Smartphone-App, ohne Kartenleser, ohne Windows-Abhängigkeit.
Der Ablauf: Browser öffnen, QR-Code scannen, Freigabe in der App bestätigen, fertig. Das funktioniert auf Linux genauso wie auf Windows oder macOS. Wir nutzen Smart Login auf allen Geräten — und haben den Kartenleser eingemottet.
Erstellen von Dokumenten über Auftragswesen Next - auch kein Problem. Die erzeugten EML Dateien mit den PDF Anhängen übernimmt und versendet der Thunderbird Mailclient.
Telefonieren am Rechner, das Softphone
War überhaupt kein Problem, wir nutzen SIPGate als Cloud Telefonanlage und da gibt es einen Linux Client oder die Möglichkeit, den Client im Webbrowser zu nutzen. Die Bluetooth und USB Headsets haben problemlos funktioniert.
Die Helfer auf der Kommandozeile
Unsere geliebten Helfer auf der Kommandozeile waren sowieso alles Portierungen von unseren Linux Tools. Also kein Problem, sondern Mehrwert.
Die aktuellen MacBooks
Bleiben auf MacOS, das hat ja auch eine vernünftige Kommandozeile und ist BSD-unixartig.
Was wirklich Arbeit gemacht hat
Ehrlichkeit gehört dazu. Ein paar Dinge haben mehr Zeit gekostet als erwartet:
- Drucker. Besonders ältere Geräte mit proprietären Treibern. Manchmal hilft CUPS sofort, manchmal braucht es Geduld.
- Scanner. Manche Anbieter liefern ordentliche Linux-Pakete, andere nicht. Hier haben wir auf einen standalone Netzwerkscanner umgestellt. Da sind keine Treiber nötig, nur ein Zielverzeichnis im Netzwerk. Epson und Brother bieten hier gute Geräte an.
- Die passende Linux Distribution. Hier sind wir den Weg des geringsten Widerstands gegangen. Distro isntalliert, Reboot. Wenn’s nicht geht, zwei drei Einstellungen im BIOS, geht immer noch nicht alles -> nächste Distro. Das hat manchmal etwas länger gedauert.
Generell gilt: Was webbasiert ist, funktioniert auf Linux genauso wie überall sonst. Was auf native Windows-Software angewiesen ist, muss ersetzt oder in einer VM betrieben werden.
Fazit
Der Wechsel hat sich gelohnt. Nicht spektakulär, nicht von einem Tag auf den anderen — aber konsequent. Unsere Arbeitsgeräte sind schneller, wartungsärmer und vollständig unter unserer Kontrolle. Kein erzwungenes Windows-Update, das um 8:30 Uhr einen Neustart fordert.
Und ja: Es ist leichter, Kunden von Open-Source-Lösungen zu überzeugen, wenn man selbst täglich damit arbeitet. Für das Nachvollziehen von Kundenproblemen unter Windows nutzen wir eine Windows VM unter Proxmox oder verbinden uns direkt mit dem Kunden über die Fernwartung.
Bei Fragen zur Umsetzung in Ihrem Unternehmen — wir kennen die Fallstricke aus erster Hand.